Hast du ein bisschen Zeit für mich? - Eine Geschichte über die Zeit

 
(Bild von: https://vomwalzumaal.files.wordpress.com/2015/07/sand)

Dingdong-Dingdong! Das war die Ladenglocke.
Der alte Uhrmacher legte die Lupe beiseite und ging aus der Werkstatt in sein Uhrengeschäft hinüber. Aber da war niemand.

 

"Hallo?", fragte er. Doch außer dem Ticken der Uhren, die überall an der Wand hingen, bekam er keine Antwort. "Lausbuben!", murmelte er. Bestimmt hatten die Jungen aus der Nachbarschaft die Tür aufgerissen um ihn aus der Werkstatt zu holen. Fiel denen nichts anderes ein, als anderen Leuten die Zeit zu stehlen? Ein wenig ärgerlich drehte er sich um. 
Gerade wollte er wieder in die Werkstatt zurück, da sagte ein schüchternes Stimmchen: "Hallo, ich bin s - die Johanna." "Ah! Johanna! Ich hab dich erst gar nicht gesehen!", rief der Uhrmacher überrascht. "Willst du Mamas Armbanduhr abholen? Die ist leider noch nicht fertig!"

 

"Nein", murmelte Johanna verlegen. "Ich wollte nur was fragen. Hast du ein bisschen Zeit für mich?" "Ja, das heißt nein, ich hab viel zu tun...", brummte der Uhrmacher. "Nein, ich meine es ganz anders - ob du mir ein bisschen Zeit verkaufen kannst?" Dabei sah sie ihn aus ihren dunkelbraunen Augen so ernsthaft an, dass der alte Uhrmacher begriff: diese seltsame Bitte war ehrlich gemeint.

 

"Zeit verkaufen, wie meinst du das?", erkundigte er sich und schob seine Brille auf die Stirn. "Na ja, es ist so: Mama hat morgen Geburtstag. Alles, was sie braucht, kauft sie sich eigentlich immer selber. Aber eins hat sie nie: Zeit. Und da hab ich gedacht, dass ich ihr ein bisschen Zeit schenke." Johannas Blick wanderte an der Wand entlang über die vielen Uhren, die ringsum fleißig die Zeit maßen.

 

"Ah, jetzt versteh ich...", sagte der Uhrmacher und lächelte. "Aber ich bin kein Zeitmacher, nur Uhrmacher. Uhren messen die Zeit, sie stellen sie nicht her". "Woher kommt dann die Zeit?", erkundigte sich Johanna. Der Uhrmacher überlegte einen Augenblick und sagte dann: "Die Zeit ist immer da, man muss sie sich nur nehmen." "Wie meinst du das?", fragte Johanna. "Man muss einfach Zeit füreinander haben. So wie wir beide jetzt. Auch wenn man noch so viel zu tun hat."

 

"Mama hat nie Zeit, mir eine Geschichte vorzulesen. Selbst kann ich es noch nicht so gut. Und ich mag doch Geschichten und Gedichte so gern", seufzte Johanna.

"Ich glaube, da hab ich was für dich", sagte der Uhrmacher geheimnisvoll. Er verschwand hinter dem dunkelroten Vorhang, der den Laden von der Werkstatt trennte. Dann kam er mit einer kleinen Sanduhr zurück. "Die hab ich von meinem Zahnarzt. Der hat sie mir mal geschenkt, damit ich mir immer Zeit nehme zum Zähneputzen. Jetzt brauche ich sie nicht mehr". Er stellte die Sanduhr auf den Ladentisch.

 

Neugierig sah Johanna zu, wie der feine Sand langsam von der oberen Hälfte des Röhrchens in die untere rann.
"Hier kann man richtig zusehen, wie die Zeit vergeht", sagte der Uhrmacher. "Du könntest deiner Mutter diese Sanduhr scheken. Und wenn du möchtest, dass sie Zeit für dich hat, dann sag einfach: Nur eine Sanduhr lang!" "Das ist toll!", sagte Johanna und strahlte über das ganze Gesicht. "Reicht das für eine Vorlesegeschichte?" "Manchmal. Und wenn die Geschichte länger ist, dreht man die Uhr einfach um und nimmt sich noch ein bisschen mehr Zeit." "Danke!", sagte Johanna. "Und was kostet die Sanduhr?"

 

"Zeit kostet nichts", sagte der Uhrmacher, als er die Sanduhr in ein kleines Schächtelchen legte, um sie als Geschenk zu verpacken. "Dafür ist sie zu kostbar!"

 

von Ursel Scheffler
(Geschichte ist im aktuellen Gemeindebrief Juli-Sept. 2017 der evang. Pfarrgemeinde Hallein zu finden)

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