Kirchen-Einheit? Ball wieder im Spiel - Gastkommentar in der Tiroler Tageszeitung von Superintendenten Olivier Dantine

Am Montag den 2. Oktober 2017 wurde folgender Artikel von Olivier Dantine in der Tiroler Tageszeitung veröffentlicht!
 

Kirchen-Einheit? Ball wieder im Spiel

 

500 Jahre nach der Reformation nähern sich römisch-katholische und evangelisch-lutherische Kirche weiter an. Der Evangelische Superintendent Olivier Dantine über den beschwerlichen Weg zum Gipfel.


Endlich gibt es Gewissheit über den neuen Bischof von Innsbruck. Freilich war es die katholische Diözese selbst, die sehnlichst auf diese Entscheidung gewartet hat, aber wir befinden uns im ökumenischen Zeitalter. So wichtige Entscheidungen in einer Kirche haben immer auch Auswirkungen auf andere Kirchen. Mit Hermann Glettler bekommt Innsbruck nun einen Bischof, der sozial engagiert ist, im Miteinander der Religionen viel Erfahrung hat und durch die Kunst Wege der Begegnung weit über die römisch-katholische Kirche hinaus eröffnet hat. Ich empfinde diese Ernennung als ein Signal der Öffnung.


Dass wir uns zudem im 500. Jahr nach der Reformation befinden, gibt Anlass, einen Blick auf die Beziehungen zwischen römisch-katholischer und evangelisch-lutherischer Kirche zu werfen. Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme, bei der eines deutlich wird: Katholische und evangelische Christen verbindet weit mehr, als sie trennt, und trotzdem ist noch ein weiter Weg zu gehen.
 

Wichtige Fortschritte

Ein wichtiges Etappenziel der seit über 50 Jahren andauernden theologischen Gespräche zwischen katholischen und lutherischen Theologen war die Unterzeichnung der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre". Die Rechtfertigungslehre war im 16. Jahrhundert der Auslöser der Reformation und in weiterer Folge der Trennung zwischen den Kirchen. So wird die Lehre bezeichnet, wonach die Barmherzigkeit Gottes und seine Zuwendung nicht durch religiöse Übungen oder durch gute Werke verdient werden kann oder muss, sondern durch Gottes Gnade geschenkt ist. Im Jahr 1999 wurde nach langen Gesprächen erklärt, dass in dieser Frage grundsätzlich Einigkeit besteht. Auch wenn es noch weiter offene Fragen gibt, ist diese grundsätzliche Einigung von großer Bedeutung.
 

Neben theologischen Gesprächen gab es auch bedeutsame Versöhnungsgesten auf kirchenleitender Ebene. In Österreich sehr wichtig war die Vergebungsbitte des Salzburger Erzbischofs Andreas Rohracher für die Vertreibungen der Salzburger Protestanten im 17. und 18. Jahrhundert. Diese Vergebungsbitte hat er im Jahr 1966 ganz unter dem Eindruck des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgesprochen. Eine Vergebungsbitte, die für die Versöhnung der beiden Kirchen in Österreich entscheidende Bedeutung hatte. Aber auch in Tirol gab es Versöhnungsgesten, wie etwa im Jahr 2012 im Rahmen des Gedenkens an die vertriebenen Zillertaler Protestanten. Nicht zuletzt waren es die früheren Bischöfe von Innsbruck, Reinhold Stecher, Alois Kothgasser und Manfred Scheuer, die diese Versöhnung vorangetrieben haben.
 

Im Vorfeld des 500-Jahr-Reformationsjubiläums kam es zu einer noch größeren atmosphärischen Annäherung zwischen den Kirchen. Am Reformationstag des Vorjahres kam es im schwedischen Lund zu einer denkwürdigen Begegnung zwischen Papst Franziskus und Vertretern des Lutherischen Weltbundes. In symbolischen Gesten und Handlungen wurde da deutlich: Es war eine Begegnung auf Augenhöhe.
 

Auch wenn symbolische Gesten alleine die noch offenen Fragen im ökumenischen Dialog nicht lösen können, sind sie in ihrer Wirkung nicht zu unterschätzen. In Lund wurde eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, die ein eindeutiger Auftrag zur Klärung der offenen Fragen mit Ziel der Ermöglichung gemeinsamer Abendmahlfeiern war. Diese Erklärung unterscheidet sich damit deutlich von früheren Aussagen, die in dieser Frage wenig Hoffnung auf Bewegung erkennen ließen. In Fußballersprache ausgedrückt: Der Ball, der schon öfter ins Aus befördert wurde, ist wieder ins Spielfeld eingeworfen worden. Ob der Ball eingenetzt wird, wird sich erst zeigen, aber nun ist wieder ein Zug aufs Tor zu erkennen.
 

Dieses Beispiel zeigt, dass gerade um das Jahr 2017 in der offiziellen Ökumene der Kirchenleitungen wichtige Impulse gesetzt werden und man nicht mehr so leicht davon reden kann, dass in der Ökumene der Kirchenleitungen gar nichts weitergeht. Dennoch sind nach wie vor unterschiedliche Geschwindigkeiten in der Ökumene zwischen Kirchenleitung und Basis zu beobachten. In vielen Pfarrgemeinden, gerade in jenen, wo Gemeinden unterschiedlicher Konfession in unmittelbarer Nachbarschaft liegen, gibt es seit Jahrzehnten rege Kontakte. Sie finden ihren Ausdruck etwa in regelmäßigen ökumenischen Gottesdiensten oder in gemeinsamen Sitzungen von katholischem Pfarrgemeinderat und evangelischem Presbyterium. Wie stark die Zusammenarbeit ist, hängt von den handelnden Personen ab. Es verwundert nicht, dass die Ökumene dort besonders gut funktioniert, wo Mitglieder und Mitarbeiter aus beiden Kirchen einander auch als Menschen nähergekommen sind.
 

Besonders vorangetrieben wird die Ökumene von konfessionsverbindenden Ehepaaren. Sie sind es ja auch, die am ehesten unter der Trennung der Kirchen leiden, was in der schon erwähnten Erklärung von Lund auch benannt wurde: „Wir erfahren den Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart im eucharistischen Mahl nicht teilen können." Ich halte es für wichtig, auf diese Paare zu hören. Ich meine damit nicht nur ihre Not mit den schleppenden Fortschritten in der Frage des gemeinsamen Abendmahls. Wir täten gut daran, auch von ihren Erfahrungen des Zusammenlebens in der Familie mit unterschiedlichen Konfessionen zu lernen. Wer von ihnen lernt, wird einer Frage nicht ausweichen können: Sind die Unterschiede in den Lehrmeinungen ausreichend, um eine Trennung am Tisch des Herrn zu rechtfertigen?
 

Wo steht noch Trennendes?

Aber was sind nun die wesentlichen Punkte, die eine solche gemeinsame Eucharistie- oder Abendmahlfeier zwischen katholischen und evangelischen Christen verhindern? Das Haupthindernis, worauf nun das Augenmerk in den theologischen Gesprächen gerichtet wird, ist die Frage der gegenseitigen Anerkennung der kirchlichen Ämter. Vereinfacht gesprochen stellt sich das Problem so dar: Evangelische Pfarrer stehen aus Sicht der römisch-katholischen Kirche nicht in der „Apostolischen Sukzession".
Damit ist gemeint, dass die kontinuierliche Weitergabe der Sendung der Apostel durch Jesus an die Amtsträger der Kirche unterbrochen wurde. Weil sie daher keinen Anteil an dieser Sukzession haben, könnten sie auch nicht eine gültige Eucharistiefeier leiten. Aus evangelischer Sicht hängt die Erfüllung des Sendungsauftrages Jesu jedoch nicht von einer lückenlosen Weitergabe von Amtsträger zu Amtsträger ab. Dadurch sehen Evangelische keine Notwendigkeit, an der Apostolischen Sukzession im katholischen Sinn teilzuhaben.
 

Ist der Papst unfehlbar?

Andererseits gibt es von evangelischer Seite ebenfalls eine Anfrage an die katholische Seite, nämlich das Papstamt als höchste Lehrautorität. Dieses erkennen Evangelische in dieser Form, vor allem in der Ausgestaltung seit dem 1. Vatikanischen Konzil — Stichwort „Unfehlbarkeit" — nicht an. Andererseits ist das Papstamt als Amt der Einheit für katholische Christen wesentlich. Es wird auf katholischer Seite nicht aufgegeben werden können. Die Art und Weise, wie Papst Franziskus sein Amt ausübt, ist für die Ökumene wiederum sehr interessant: Die dienende Funktion tritt gegenüber allem herrschaftlichen Gehabe deutlich in den Vordergrund.
 

Diese Fragen zu lösen, wird nicht einfach. Dass allerdings bisher schon viel erreicht ist, darf darüber nicht vergessen werden. Vielleicht ist es wie beim Bergsteigen: Der Weg auf den Berg ist größtenteils bewältigt, das schwierigste Stück ist der letzte Anstieg zum Gipfel. Es wird auch Phantasie brauchen, um Lösungen zu finden, die wir uns heute vielleicht noch gar nicht vorstellen können. Jedenfalls wäre es vermessen zu meinen, dass nur das wirklich werden kann, was wir uns vorstellen können. Die Hoffnung auf weitere Annäherungen lebt.

(Text: http://www.tt.com/politik/weltpolitik/13487634-91/kirchen-einheit-ball-wieder-im-spiel.csp)

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