Die Evangelische Gemeinde Innsbruck und "der Anschluss"

"Und wieder geht eine Woge der Begeisterung durch die Lande"
Die Evangelische Gemeinde Innsbruck und der "Anschluss"


(Bild: Christuskirche Innsbruck)  

 
In seiner Predigt vom 11. März erzählte Pfarrer Werner Geißelbrecht in der Innsbrucker Christuskirche von den Tagen im März 1938 in dieser Gemeinde und über die Rolle des damaligen Pfarrers der Evangelischen Gemeinde, Ludwig Mahnert.

 

 

 

Hier ist die Predigt zum Nachlesen:

 

„Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ (Mt 7,15)
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Kanzelsegen

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen!
(2Kor 13,13)

 


Predigt

 

„Wißt ihr es noch?
es war an einem Freitagabend.
Die Partei war verboten.
Der deutsche Gruß war verboten.
Das Hakenkreuz war verboten.
Die Hausdurchsuchungen häuften sich.
Die Maßregelungen von Beamten mehrten sich.
Die Kerkerzellen füllten sich.

 

 

Und dennoch
feierten wir Adolf Hitlers Geburtstag.
In dieser Kirche
war kaum noch ein Stehplatz vorhanden.
Altarraum, Taufkapelle,
sämtliche Gänge im Schiff,
die Treppe zur Orgelempore,
alles dicht bestanden von entschlossenen treuen Menschen
ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses,
vor allem viel, viel Jugend,
aber auch Männer und Frauen im grauen Haar,
bis auf die Straße standen sie …“ (Mahnert 1938-04-20)

 

 

Mit diesen Worten
schildert Dr. Ludwig Mahnert,
Pfarrer an der Christuskirche von 1923 bis 1943,
am 20. April 1938 – rückblickend –
einen Gottesdienst am 20. April 1934.

 

 

Mitten in der politisch heißen Zeit
der Errichtung des so genannten „Ständestaats“,
des eng mit dem politischen Katholizismus und
mit der katholischen Kirche verquickten Austrofaschismus
hat die Gemeinde hier in der Christuskirche
Hitlers Geburtstag gefeiert.

 

 

Junge und Alte sind gekommen,
Männer und Frauen,
Evangelische und Nichtevangelische.
Wo es um die Verehrung des Führers ging,
hat die Ökumene offenbar funktioniert.

 

 

Unsere Gemeinde hier
und speziell die Gottesdienste von Pfarrer Mahnert
scheinen ein Treffpunkt gewesen zu sein
für recht unterschiedliche Menschen,
die eines geeint hat:
Die Ablehnung des
sich als katholisch definierenden Staates Österreich.
Und die Ausrichtung auf Deutschland,
das Vertrauen auf Adolf Hitler
und die Hoffnung,
dass er auch in Österreich die Macht übernehmen möge
und die Ostmark bald wieder Teil des Deutschen Reichs sein solle.

 

 

Der Nationalsozialismus war verboten
Nicht wenige Anhänger der NSDAP
suchten und fanden aber
in der Evangelischen Kirche
eine Zuflucht –
nicht nur hier in Innsbruck.

 

 

Pfarrer Jakob Ernst Koch,
Evangelischer Pfarrer in der Ramsau zu der Zeit,
wichtigster Vertreter der „Reformatorischen Bekenntnisbewegung“
und damit heftiger Kritiker der Deutschnationalen in unserer Kirche –
Gott sei Dank hat es auch solche gegeben! –
Pfarrer Koch hat Gemeinden wie die unsere
als eine „Zufluchtsstätte für politische Mißvergnügte“ bezeichnet.
Und damit hat er wohl etwas Wahres getroffen.

 

 

Politisch kam es im „Ständestaat“ ja
zu einer neuen Konfessionalisierung und Klerikalisierung Österreichs.

 

 

Die Gegenreformation
wurde vom offiziellen Österreich
als größte Leistung der Habsburger gefeiert.
Wir können uns vorstellen,
wie das bei den Evangelischen damals angekommen ist.

 

 

Wer nicht katholisch war
oder den politischen Katholizismus ablehnte,
galt im „Ständestaat“ schon als verdächtig.
Für viele Evangelische
und für andere Nichtkatholiken und Nicht-mehr-Katholiken
scheinen das Deutsche Reich und der Nationalsozialismus
darum eine verlockende Alternative gewesen zu sein.

 

 

Entsprechend wurde die Evangelische Kirche
von Behörden und Politikern des katholischen Ständestaats
als „Nazikirche“ empfunden
und auch ausdrücklich so bezeichnet.
Damit wurden wiederum Repressalien begründet,
die Evangelischen fühlten sich erst Recht als Opfer –
und so drehte sich der Teufelskreis …

 

 

Pfarrer Ludwig Mahnert hier an der Christuskirche
hat sehr offensiv für den Anschluss geworben,
gegen seine politischen Gegner
und damit auch gegen den Staat Österreich gewettert.
Er war damals einer der führenden deutschnationalen
evangelischen Pfarrer in Österreich. (Katzmayr 2018, 121)

 

 

1934 hält er ein halbes Jahr lang
sogenannte „Mittwochsandachten“
oder auch „deutsche Weihestunden“, so hat er sie selbst genannt –
zur „Stärkung unseres völkischen und protestantischen Bewußtseins.“
Der Vorwurf,
dass er da deutschnationale Propaganda betrieben hätte,
wird wohl berechtigt sein.

 

 

Er scheint damals damit gerechnet zu haben,
dass ein politischer Umbruch zu seinen Gunsten
unmittelbar bevorstand.
So schnell ist es zwar nicht gegangen.
1938 war es dann aber soweit.
Mit dem Einmarsch Adolf Hitlers
scheint sich für Pfarrer Mahnert ein Traum erfüllt zu haben.

 

 

Zu Ostern,
am 17. April 1938,
5 Wochen nach dem so genannten Anschluss,
beginnt er seine Predigt folgendermaßen:

 

 

„So fröhliche Ostern
haben wir noch nie gefeiert:
Die Leidenszeit
unseres deutsch-österreichischen Stammes
ist vorüber.
Unser herrliches, geliebtes Vaterland
ist frei …

 

 

Die deutsche Ostmark
liegt wieder wohlgeborgen
in den schützenden und wärmenden Armen der liebenden Mutter.
Dafür können wir niemals genugsam
unserem treuen Gott und Vater
wie dem Führer danken,
den er uns gesandt hat,
und der sich selber in seiner letzten Rede in Wien
als das Werkzeug der Vorsehung bezeichnet hat.“ (Mahnert 1938-04-17)

 

 

Und drei Tage später,
am 20. April 1938,
predigt er zu Hitlers Geburtstag:

 

„Kaum ist der Klang der Osterglocken verhallt
und der Sang der Osterlieder verrauscht,
in denen heuer der Dank eines ganzen befreiten Volkes
für seine eigene Auferstehung jubelnd mitschwang,
und wieder geht eine Woge der Begeisterung durch die Lande
vom Brenner bis zum Belt
und vom Bodensee bis zu Ungarns Grenze:

 

Adolf Hitler,
unser Führer,
unser Retter,
unser Befreier,
der Vater seines Volkes,
der von einem grenzenlosen Vertrauen getragene
Liebling seines Volkes,
Adolf Hitler hat Geburtstag,

und sein Geburtstag ist mehr als jeder andere Tag im Jahre
Erntetag,
da darf er aus allen Teilen unseres Vaterlandes
und aus allen Schichten und Ständen seines Volkes
reichlich Liebe ernten,
er,
der so reichlich Liebe gesät hat.“ (Mahnert 1938-04-20)

 

 

Der biblische Text,
der dieser Predigt zugrunde liegt,
steht im 91. Psalm:
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet …“

 

 

Mir fällt zu dieser eigenartigen,
fast kitschigen und umso erschreckenderen Hitler-Beweihräucherung
eher eine ganz andere Bibelstelle ein:
Matthäus 7, Vers 15.
Das sagt Jesus:
„Seht euch vor
vor den falschen Propheten,
die in Schafskleidern zu euch kommen,
inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ (Mt 7,15)

 

 

Für uns heute
ist es fast unvorstellbar,
dass Hitler damals nicht erkannt wurde
als Wolf im Schafspelz,
sondern dass man ihn derart verehrt und verherrlicht hat.

 

 

In unserer Kirche waren es wenige,
die dagegen öffentlich Stellung bezogen haben.
Der Wiener Evangelische Superintendent,
Dr. Johannes Heinzelmann,
war so einer.
Im Neujahrshirtenbrief 1937/38 warnt er davor,
dass in Deutschland die Geltung dessen bestritten werde,
was von Anfang an gemeinchristlicher Glaube gewesen sei:
Es ist in keinem andern Heil
als allein in Jesus Christus.
Hierin würden sich katholisches
und evangelisches Christentum begegnen, schreibt er.
Daraufhin wird er heftig kritisiert – als Freund Roms („Rompilger“).
Er tritt als Sprecher der Superintendenten zurück.

 

 

Dann schreibt er aber trotzdem
noch ein Nachwort zum Hirtenbrief.
Und er endet mit den Worten:
„Mit Jesus Christus zu fallen
ist besser,
als mit irgendeinem anderen Herrn und Meister zu stehen.“

 

 

In der damaligen Zeit
war das sicher ein mutiges Wort.
Hier in Innsbruck
hat sich der Wiener damit vermutlich
wenig Freunde gemacht.

 

 

Nicht nur Pfarrer Ludwig Mahnert
hat in Hitler ein Werkzeug Gottes gesehen,
auch Kurator Karl Newesely
war überzeugter Nationalsozialist und Parteimitglied.

Sicher hat es auch ein anderes Lager gegeben,
aber davon wissen wir leider wenig.
In einer Arbeit habe ich immerhin folgendes gefunden:
„Der evangelische Bankdirektor Theodor Stößlein
beging am 25. März 1938 Selbstmord,
eine direkte Folge auf die Geschehnisse,
die am 12. März ihren Ausgang genommen hatten.
Der erst im Jahre 1936
vom Judentum zur evangelischen Konfession gewechselte
Erich Friedrich Graubart
flüchtete ins Ausland.“ (Oberlerchner 2009, 96)

 

 

Es ist ganz seltsam:
Dazu findet sich offenbar nichts
in Ludwig Mahnerts Predigten.
Überhaupt gibt es da wenig Konkretes.
All das, woran wir denken,
wenn wir Nationalsozialismus hören –
SS-Terror,
Konzentrationslager,
Judenvernichtung,
Euthanasie:
all das findet sich nicht
in den Predigten.
Hat Pfarrer Mahnert das nicht gewusst?
Hat es ihn nicht interessiert?

 

 

Wir haben nicht einmal eine Reaktion überliefert
auf die Novemberpogrome 1938.
Einige Anschläge auf jüdische Familien
haben sich ja hier im Saggen,
ganz in der Nachbarschaft abgespielt.

 

 

Man gewinnt den Eindruck:
Pfarrer Mahnert
– und mit ihm viele andere –
waren so geblendet von Adolf Hitler,
so euphorisch über die Rückkehr ins Deutsche Reich,
so überschwänglich froh über die Erlösung
aus der gefühlten Enge und Bedrückung im katholizistischen Österreich,
dass sie die Grauen des Nationalsozialismus nicht gesehen haben,
nicht sehen wollten,
vielleicht auch nicht sehen konnten.

 

 

Wenn man die Predigten von Pfarrer Mahnert
und die Berichte über sein Leben weiter verfolgt,
dann merkt man allerdings:
So ganz ohne Konflikte
hat er das Verhältnis von Kirche und Staat,
von christlichem Gemeindeleben und nationalsozialistischer Politik
durchaus nicht erlebt.
Seine Gesinnung war deutsch-national;
deutsch und evangelisch,
das hat für ihn ganz eng zusammengehört.

 

 

Aber ein Nazi bis auf die Knochen,
so wie wir uns das bei einem Hitler-Verehrer vorstellen –
das war er wohl auch nicht.
Dazu war ihm sein christlicher Glaube zu wichtig,
dem er immer treu geblieben ist
und den er verteidigt hat gegen alle Angriffe,
auch vonseiten der NSDAP.
Dazu gäbe es noch viel zu erzählen,
aber dazu reicht heute die Zeit nicht.

 

 

Macht aber nichts:
In nächster Zeit werden Sie
darüber noch einiges hören und lesen können.
Denn eine Diplomandin an der Evangelisch-Theologischen Fakultät,
Vinona Katzmayr,
hat ihre Abschlussarbeit über Pfarrer Mahnert geschrieben.

Und sie wird in einer der folgenden Ausgaben
unserer Gemeindezeitung „Die Brücke“
darüber berichten
und sicher auch einmal für einen Vortag zu uns kommen.

 

 

Im Resümee ihrer Arbeit schreibt sie:
„Festzuhalten ist …,
dass sich Mahnert
trotz seiner auch familiär bedingten Nähe zur NSDAP
nicht von der Kirche abbringen ließ.
Nicht nachdem es ihm andere Pfarrer vorgemacht hatten
und nicht nachdem das Angebot im Jahr 1940,
für die Partei zu arbeiten,
an ihn herangetragen wurde.
In jedem Fall hatte die Kirche
als Institution und als Heilsbringer oberste Priorität.
Sein christlich-evangelischer Glaube
erwies sich als unerschütterlich
bis zu seinem Tod …“ (Katzmayr 2018, 121)

 

 

Wie passt das alles zusammen? –
Damit werden wir uns noch näher befassen.
Letztlich aber können wir natürlich nicht wirklich hineinschauen
in die Menschen damals.

 

 

Ich will mich jedenfalls vor zweierlei hüten:
Erstens vor leichtfertigem,
womöglich auch überheblichem Verurteilen.
Wir tun uns heute natürlich leicht,
die Vorgänge damals kritisch zu sehen.
Aber wie hätten wir selbst reagiert?
Auf welcher Seite wären wir gestanden?
Hätten wir den Wolf im Schafspelz erkannt?

 

 

Zweitens will ich mich auch hüten,
uns das unangenehme Erinnern zu ersparen.
Wir dürfen uns da nicht drücken!
Unsere Geschichte gehört zu uns dazu.
Wir können da nicht so tun,
als hätte das damals
mit uns heute gar nichts zu tun.
Was immer hier in dieser Gemeinde
gedacht und gepredigt wurde,
das ist Teil unserer Geschichte.

Was hier getan wurde
und auch was nicht getan wurde,
das wirkt nach bis in unsere Zeit.

 

 

Und ich glaube,
wir haben da noch viel zu erinnern.
Aber tun wir es nicht,
um selbstgerecht den Stab zu brechen
über denen, die damals gelebt haben.

Erinnern wir uns,
um selbst klüger zu werden.
Um uns zu wappnen
gegen zerstörerische Ideologien,
gegen Hetze und Kriegstreiberei.

 


Erinnern wir uns,
damit wir nicht schweigen,
wenn heute Menschenrechte in Frage gestellt
oder ins Lächerliche gezogen werden;
wenn Gruppen von Menschen verantwortlich gemacht werden
für alles Übel –
damals waren das die Juden,
heute sind es für manche noch immer die Juden,
für andere die Muslime,
die Flüchtlinge,
oder wer immer.

 

 

Erinnern wir uns,
damit uns die Parteinahme für die Schwächeren
wichtiger ist als Parteipolitik;
damit wir den Blick weiten,
nicht nur auf uns selbst schauen,
auf unsere Familien,
auf unsere Kirchen,
auf diejenigen, die wir als die Unseren betrachten.
Dass wir – mit Jesus! –
gerade auch auf diejenigen schauen,
die an den Rand gedrängt werden
und die unsere Hilfe brauchen –
unabhängig von ihrer Herkunft
und von ihrem sozialen und gesellschaftlichen Status.

Und erinnern wir uns immer wieder daran,
was Jesus gesagt hat
und was heute ebenso aktuell ist wie vor 2000 Jahren
und wie 1938:

 

 

„Seht euch vor
vor den falschen Propheten,
die in Schafskleidern zu euch kommen,
inwendig aber sind sie
reißende Wölfe.“ (Mt 7,15)

 

 

Amen.

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

Rennweg 13
6020 Innsbruck
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