Gott recyclet

Gott spricht: "Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch." Hesekiel 36, 26.

Gedanken zur Jahreslosung 2017 von Pfarrerin Gundula Hendrich

 


Bildquelle: Jahreslosung 2017 - Postkartenbuch, Reinhard Engeln (Hrsg.), Brunnen Verlag GmbH. SCM-Shop.de


Was für ein wunderschönes Geschenk, denkt Hertha angesichts der neuen Jahreslosung. Die Zusage des Hesekiel ist ganz hell und fein auf das handgeschöpfte Papier gedruckt, das Eingepackte pulsiert so stark, dass das Papier aufreißt. Herzförmig. Der Inhalt kommt zum Vorschein. Ja, das nehm ich gern an, murmelt sie vor sich hin. Zumal sich ihr Herz mittlerweile öfter einmal bemerkbar macht, denn es ist nicht mehr das jüngste.

Hertha lässt sich gern von den Bibelworten für das neue Jahr beschenken. Es tut ihr gut, immer mal wieder über die Zusage nachzudenken, darüber was sie ihr selbst bedeuten, darüber, was sie vielleicht für Menschen bedeuten, denen es ähnlich geht wie denen, die diese Worte erstmals hören. Damals waren es Menschen aus Juda, verschleppt von den Truppen Nebukadnezars. Weit weg von zu Hause, mit Bildern des zerstörten Tempels im Kopf, fühlten sie sich bestraft und geradezu gottverlassen.

Hertha geht dazu aktuell die Verleihung des Sacharow-Preises des EU-Parlaments durch den Kopf. Zwei Irakerinnen wurden damit geehrt, Nadia Basee und Lamiya Aju Baschar, die so lange wie tausende anderer von den IS-Truppen verschleppt und als Sexsklavinnen missbraucht wurden. Die beiden hatten fliehen können und machen seither aufmerksam auf die Situation der Yezidinnen und Yeziden im Irak.

Wer so brutale Gewalt erlebt, muss sich schützen, um nicht völlig zu zerbrechen. Es gibt so viele Gründe, dass Menschen schier versteinern, wie es in Anlehnung an die Ehefrau des biblischen Lot noch heute heißt. So gut
wie keine vergewaltigte Frau mag darüber sprechen. Die beiden Yezidinnen aber sind unglaublich stark und offen. Sie haben die Herzen der Parlamentarier/innen vieler Länder erreicht. Solche unglaubliche Lebenskraft
ist ein Gottesgeschenk, überlegt Hertha.

So werden die verschleppten Hebräer/nnen die Zusage Hesekiels damals wohl auch erfahren haben. Sie hatten sich eingerichtet im fremden Babylonien und die Erinnerungen an das alte Zuhause waren gut verpackt tief in ihrem Inneren. Und dann kommt dieser Prophet Hesekiel und alles reißt auf, als seien all ihre Erfahrungen in der Fremde nur dünnes Seidenpapier. Und darunter zum Vorschein kommt jung und lebendig pulsierende Hoffnung, ja Liebe. ‚Gott hat Euch nicht vergessen. Gott liebt Euch und schenkt Euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Und Ihr werdet zurückkehren können und mit Euch selbst und mit Gott im Reinen leben können.‘

Mit Gott im Reinen sein, ein neues Herz und einen neuen Geist geschenkt bekommen, ja, das hätte sie auch gern, denkt Herta. Die Sehnsüchte und Lebenswünsche der jungen Hertha liegen weit hinter ihr. Sie hat zwar nicht wie der Peter aus dem Märchen von Hauff ein kaltes Herz bekommen, aber sie fühlt sich manchmal schon wie versteinert. Misserfolge, schlechte Erfahrungen und vor allem auch Ärger über sich selbst haben sie hart gemacht.

Und doch könnte es noch einmal richtig gut werden‘, überlegt sie. ‚Ob Gott uns sozusagen recycelt‘, fragt sie sich. ‚Gottes Geschichte mit uns Menschen hat ja nicht aufgehört, es könnte auch für mich ja noch mal ganz anders weitergehen. ‚Schenk mir ein neues Herz, mach es fest in Dir‘, summt Hertha vor sich hin in Variation eines modernen Kirchenliedes und die Vorfreude verursacht angenehm leises Herzklopfen.


Ihre Gundula Hendrich, Pfarrerin in Kitzbühel

 

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