Kirchliche Pressearbeit in einer Mediengesellschaft

Ein Beitrag von Günther Dichatschek zu „80 Jahre Evangelischer Presseverband in Österreich 2005"

In seiner Antrittsvorlesung am 30. Jänner 1997 im Rahmen der Vorlesungsreihe „Protestantismus in der Moderne" der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München hielt Michael SCHIBILSKY fest, dass an den Anfängen des Protestantismus in der Kultur der Neuzeit nicht nur Martin Luthers Wiederentdeckung der freien Gnade Gottes stand, „sondern auch eine technische Revolution der Kommunikation - die Erfindung der mechanischen Buchdruckerkunst. So verdankt der Protestantismus seine Ausbreitung einem offensiven Gebrauch moderner Kommunikationstechnik. Eine zweite Revolution der Kommunikation, die Digitalisierung interaktiver und global vernetzter Kommunikationsmittel, steht vermutlich am Ende einer Kultur der Neuzeit. Was aber wird aus dem Protestantismus?"(SCHIBILSKY 2000, 51).

Notwendigkeit und Auseinandersetzung mit kirchlicher Pressearbeit
Unter den veränderten Bedingungen einer nachneuzeitlichen Mediengesellschaft ist Pressearbeit für die Praxis der Kirche und für ihre Öffentlichkeitsarbeit von zunehmender Bedeutung geworden. Bislang werden diese Aspekte eher beiläufig behandelt, wobei sie aber eine große Rolle in der Gemeindearbeit - insbesondere in der Diaspora - beim Erreichen von Gläubigen spielen (vgl. DICHATSCHEK 2005, 14). Selbst die Praktische Theologie ist stärker mit ihrer Selbstthematisierung beschäftigt und behandelt das Thema Medien selten (vgl. PETKEWITZ 1991 UND SCHMIDT-BIESALSKY 1990).

Sieben Aspekte begründen die Notwendigkeit und heutige Auseinandersetzung mit zeitgemäßer kirchlicher Pressearbeit:

· Aktualität
Medieninhalte haben eine niedrige Halbwertzeit, der Aktualitätsgrad ist begrenzt.

· Alltagsverhaftung und Irrtumswahrscheinlichkeit
Wechselnde Trends der Medien , eine rasche Medienentwicklung und die Scheu vor Irrtümern in der Berichterstattung ergeben Vorbehalte.

· Unterentwicklung eigenen Berufshandelns
Journalistisch relevante Ereignisse erzeugen publizistische Wahrnehmung. Die Reflexion eigenen Berufshandelns in der kirchlichen Berichterstattung war über lange Zeit unterentwickelt, journalistisch-kirchliche Handlungsfelder werden auch heute nur zögernd wahrgenommen (DICHATSCHEK 2005, 13). Pressearbeit findet in Print- und elektronischen Medien statt und bedarf einer Berufstheorie (vgl. PÜRER 1996).

· Ökonomie und publizistische Macht
Medienfremden Beobachtern ist die Verbindung von technischen, journalistischen, medienpolitischen und ökonomischen Teilbereichen einer Pressearbeit zu unübersichtlich.

· Unterhaltung und Boulevardisierung
Befremden erzeugt der erkennbare Trend zur Boulevardisierung und Unterhaltung in den Medien. Demgegenüber erscheint ein sachlich-orientierter, distanzierter, aktueller und in seiner Berichterstattung begründbarer kirchlicher Journalismus durchaus erfolgreich zu sein.

· Manipulation in der Presse
Manipulatives Vorgehen kostet den Medien Glaubwürdigkeit. Kirchliche Presse beleuchtet relevante Wirklichkeit.

· Kritisches Verhältnis zum Bild
Offensichtlich wirkt der theologisch tief verankerte Vorbehalt gegen Bilder im Protestantismus und der Kirche des Wortes auch heute noch nach. Zugleich gibt es aber im Zentrum des protestantischen Kirchenbegriffs der Confessio Augustana die „öffentliche Wortverkündigung". Im biblischen Zusammenhang ist Lukas 11,53 - 12,3 als Bild von den Dächern als Ort von Öffentlichkeit, Paulus auf dem Areopag in Athen als Ort besonderer Öffentlichkeit in der Apostelgeschichte 17 und der Missionsbefehl von Matthäus vertraut.

Stellung der Kirche in der Mediengesellschaft
Die große alte Dame der Publizistik und Meinungsforschung in Deutschland, Elisabeth NOELLE-NEUMANN, definiert die Funktion der Massenmedien als Information, Beitrag zur Meinungsbildung, Kontrolle, Unterhaltung und Erbauung(vgl. zur Definition auch LUHMANN 1996, 10; NOELLE-NEUMANN/SCHULZ/WOLKE 1994, 381).

Der von HABERMAS verwendete Begriff der „Mediengesellschaft" entwickelt sich heute von einer personalen zu einer medialen Kommunikation. Kennzeichnend ist die Verwendung technischer Medien für eine Mehrheit der Gesellschaftsmitglieder geworden. „Formen direkter persönlicher Kommunikation treten erkennbar zurück. Die weltweite Vernetzung der Medien führt zu der für die Mediengesellschaft typischen Deregulierung und Globalisierung" (SCHIBILSKY 2000, 55). Kirche ist selber publizistische Produzentin und in öffentlich-rechtlichen Medien beteiligt (vgl. die jahrzehntelange hohe Quote des „Wortes zum Sonntag" in der ARD, die hohe Quote der Weihnachtsvesper am Hl. Abend im ORF, die Aufgaben des AMTES FÜR HÖRFUNK UND FERNSEHEN in der Evangelischen Kirche in Österreich und des EVANGELISCHEN PRESSEVERBANDES). Kirche ist zugleich auch Gegenstand von Berichterstattung und Medienpräsenz (vgl. dazu die Aufgaben des EVANGELISCHEN PRESSEDIENSTES in Österreich/epdÖ).

Evangelische Pressearbeit unterliegt ebenso Gefährdungen wie die übrige Publizistik. Ihre Aufgaben sind jedenfalls die Information, der Kommentar, die Beratung, Bildung, Unterhaltung und Verkündigung für informierte, verständige und mündige ChristenInnen.

Zeitgemäßheit der Kirche wird durch eine Theologie ermöglicht, die aktuelle Lebenswirklichkeit aufzeigt. Dazu bedarf es auch der kirchlichen Praxis (vgl. die Notwendigkeit von Medienbeauftragten in Pfarrgemeinden, Diözesen und der Gesamtkirche).

Protestantische Freiheit eröffnet Mündigkeit gegenüber Wirtschafts- und Machtzwängen. Robert GEISENDÖRFER als einer der Väter deutschsprachiger kirchlicher Pressearbeit formulierte entsprechend: „Was evangelische Publizistik kann: Etwas öffentlich machen, Fürsprache üben, Barmherzigkeit vermitteln und Stimme leihen für die Sprachlosen" (zit. nach: Perspektiven der Evangelischen Presse. Bericht einer Arbeitsgruppe, Frankfurt/M. 1996, 5).

Pressearbeit unter Gemeindeaspekten
An dieser Stelle sollen Ergebnisse einer qualitativen Befragung, die keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aus Gründen eines Ressourcenmangels erheben kann, referiert werden. Jahrelange Pressearbeit in der SAAT, für die Gemeindezeitung ANSTOSS, Lokalpresse und auf kirchlichen Homepages erfordert ein Feedback.

Pressearbeit in der Gemeinde konzentriert sich für gewöhnlich auf die Präsenz evangelischen Gemeindelebens in der Presse und die Art und Weise der Berichterstattung über kirchliche Gemeindeereignisse. Tatsächlich geht es aber auch um den Einfluss der Presse auf Kirche. Pressearbeit ist Teil kirchlichen Lebens geworden. „Die Presse ist nicht nur ein Teil des Lebens der Gemeindemitglieder, die täglich fernsehen, Radio hören und Zeitung lesen, und der haupt- und nebenamtlichen kirchlichen Mitarbeiter, einschließlich der großen Zahl der ehrenamtlichen Helfer, sondern der kirchlichen Arbeit selbst"(PREUL/SCHMIDT-ROST 2000, 181).

In einem Fragebogen mit offenen Fragen wurden vier Bereiche für die alltägliche Pressearbeit erhoben: Sprache, Pressearbeit, Zielgruppenfrage und Folgerungen.

· Sprache
Sprache ist primäres Kommunikationsmittel der Presse. Sprache des Journalismus soll neugierig machen, allgemein verstanden werden und einen Lebensbezug aufweisen. Im Unterschied zur Sprache der Kirche, die nicht immer die Sprache in der Tradition Martin Luthers zum Vorbild hat, soll Pressesprache vertraut machen. Sprachliche Präzisierung soll der Ausdruck der Bemühungen um die Leserschaft sein. Die in der Presse vorhandenen GesprächspartnerInnen sollen sich in ihren Interessen angesprochen fühlen, womit allgemein auch politisches(= öffentliches) Denken gemeint ist.

· Pressearbeit
Die Vertreter kirchlicher Publikationen kritisieren mitunter stärker kirchliche Entscheidungen als KollegenInnen anderer Medien. Hier zeigt sich möglicherweise die Furcht vor kirchlicher Hofberichterstattung (vgl. WEILAND 1998, 292). In der heimischen Gemeindearbeit findet sich allerdings eher der Vorwurf einer „Hofberichterstattung", wobei kritische Kolumnen und Kommentare teilweise von den LesernInnen vermisst werden. Angesprochen wurden die mangelhaften Ressourcen, wobei Team- und Netzwerkarbeit offensichtlich noch ein wenig praktizierter Themenbereich in den Gemeinden zu sein schein (vgl. die Notwendigkeit von Medienbeauftragten für Pressearbeit).

· Zielgruppenfrage
Der notwendige Umgang mit Menschen während der Medienarbeit und die vorauszusetzende Kommunikationsfähigkeit vollzieht sich offensichtlich in kirchlichen Medien in Form von „learning by doing". Kirchliche Medienarbeit erfordert eine Berufstheorie, also auch Aus-, Fort- und ggf. Weiterbildung (vgl. PÜRER 1996). Jedenfalls sind dann in der Folge auch bestimmte Zielgruppen leichter anzusprechen. Bemängelt wurde insbesondere das Fehlen von Themen für die Zielgruppe der Zwanzig- bis Vierzigjährigen, der kritisch politisch Interessierten und der Trend zu MitarbeiterInnenzeitschriften, wobei gerade in der Diaspora Medienarbeit als Notwendigkeit unterstrichen wird.

Folgerungen
Für Kirche und die Verkündigung ergibt sich zunächst eine Außenperspektive. Kirchliche Kommunikation darf nicht Ghettocharakter haben. Veränderungen sind notwendig. Dabei geht es um die kritische Frage von Realisierungsmöglichkeiten (personale und finanzielle Ressourcen).

Eine Teilhabe an Informationen ermöglicht auch Einblicke in den Umgang innerhalb der Kirche. Mit dieser Aussage ist die innerkirchliche Perspektive angesprochen. Zwang zur Aktualität, Hang zur Oberflächlichkeit, Berufszufriedenheit und Kritikfähigkeit sind Aspekte, die neben Rückzug, Resignation und Qualifizierung hier angesprochen werden.

Eine Chance zur Verbesserung kirchlicher Pressearbeit sind die Wahlen zu den kirchlichen Gremien ab Oktober 2005, bei denen engagierte und interessierte Personen(-gruppen) ihre Vorstellungen auch in Medien einbringen können.

Schlussbemerkung
An der Wiege des Protestantismus stand die Buchdruckerkunst mit der mechanischen Revolution der Kommunikation. Die elektronischen Medien können vielleicht das Ende der Kultur der Neuzeit, nicht aber das Ende der Reformation und über internationale Netzwerke möglicherweise die große Chance ihrer Kirche sein.


Literatur

Dichatschek G.(2005): Das Rollenspektrum ist groß - Überlegungen zur Nachwuchsfrage in zukunftsorientierten Pfarrgemeinden, in: SAAT Nr. 3, 6. März 2005, 14

Dichatschek G.(2005): Die SAAT-Tagung in Kitzbühel, in: SAAT Nr. 7, 15. Mai 2005, 13

Dichatschek G.(2005): Was evangelische Publizistik kann - Ein Beitrag zum 80-Jahre-Jubiläum des Presseverbandes, in: SAAT Nr. 17, 23. Oktober 2005, 2

Luhmann N.(1996). Die Realität der Massenmedien, Opladen 1996

Noelle-Neumann E./Schulz W./Wilke J.(Hrsg.)(1994): Das Fischer-Lexikon Publizistik-Massenkommunikation, Frankfurt/M.

Petkewitz R.(1991): Verkündigung in der Mediengesellschaft. Neue Informations- und Kommunikationstechniken in der kirchlichen Praxis, Gütersloh

Preul R./Schmidt-Rost R.(Hrsg.)(2000): Kirche und Medien, Gütersloh

Pürer H.(Hrsg.)(1996): Praktischer Journalismus in Zeitung, Radio und Fernsehen - Mit einer Berufs- und Medienkunde für Journalisten in Österreich, Deutschland und der Schweiz, Salzburg

Schibilsky M.(2000): Kirche in der Mediengesellschaft, in: Preul R./Schmidt-Rost R.(Hrsg.)(2000): Kirche und Medien, Gütersloh, 51-71

Schmidt-Biesalsky A.(1990): Publizistik in der theologischen Ausbildung. Eine Bestandsaufnahme, in: epd-Dokumentation 17/1990, 48-51

Weiland P.(1998): Die Kirche und die Medien, in: Bünker M.-Krobath Th.(Hrsg.)(1998): Kirche - lernfähig in die Zukunft?, Innsbruck-Wien, 288-293


Printmedien der Evangelischen Kirche:

SAAT - Evangelische Kirchenzeitung für Österreich, Evangelischer Presseverband in Österreich, Ungargasse 9/10, 1030 Wien

AMT und GEMEINDE - Theologisches Fachblatt, Hrsg.: Bischof Mag. Herwig Sturm, Evangelischer Presseverband in Österreich, Ungargasse 9/10, 1030 Wien, eMail:

junge gemeinde - das magazin für evangelische kinder- und jugendarbeit , Evangelische Jugend Österreich, Liechtensteinstraße 20, 1090 Wien, http://www. ejoe.at > junge gemeinde, eMail: ej@evang.at

Evangelischer Pressedienst Österreich/epdÖ, Evangelischer Presseverband in Österreich, Ungargasse 9/10, 1030 Wien, eMail: epd@evang.at

 

Elektronisches Medium der Evangelischen Kirche:

www.evang.at


Der Autor ist Lehrbeauftragter am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien (Berufspädagogik/Vorberufliche Bildung), Mitglied der Bildungskommission der Synodalausschüsse der Evangelischen Kirche Österreich A. und H.B. und ständiger Mitarbeiter der SAAT/Evangelischer Pressedienst Österreich (epdÖ).

 

 

Evangelische Superintendentur Salzburg-Tirol

Rennweg 13
6020 Innsbruck
Tel: 0512-588824
salzburg-tirol@evang.at
www.sichtbar-evangelisch.at

Bürozeiten
Montag bis Freitag:
8.30 bis 12.30 Uhr