Michael Chalupka fordert Wort der Kirche zur Gerechtigkeit

Referat beim Ökumene-Empfang des Salzburger Erzbischofs am 8. Jänner 2019
 

 

Hunger und Durst nach Gerechtigkeit


Imput zum ökumenischen Empfang der Erzdiözese Salzburg am 8.1.2019 von Pfarrer Mag. Michael Chalupka Geschäftsführer der Diakonie „Eine Welt“

 


Sehr geehrter Herr Erzbischof,
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Ökumene in Salzburg!

 

Es war der erste Schultag in Schweden, der 20. August 2018, als Greta Thunberg sich ganz alleine vor das schwedische Parlament setzte mit einem Schild in der Hand „Schulstreik für das Klima“. Seither tut sie das jeden Freitag und tausende, ja hundertausende Schüler*innen weltweit sind ihrem Aufruf gefolgt. „Ihr sagt, Ihr liebt eure Kinder über alles. Und doch stehlt ihr vor Ihren Augen ihre Zukunft.“, schleuderte sie den Delegierten von Kattowice ihre Vorstellung von Klimagerechtigkeit entgegen. Mitte 8 Jahren hatte sie begonnen, sich mit dem Klimawandel zu beschäftigen, Strom zu sparen und Papier zu recyclen. Worauf sie in eine tiefe Depression verfiel, zu essen aufhörte und das Sprechen einstellte. Sie wurde im Asperger-Autismusspektrum diagnostiziert. Die Erkenntnis, dass die Welt aus den Angeln gerät, hatte auch das Kind Greta Thunberg aus den Angeln gehoben. Sie hat wieder zur Sprache und zum Handeln gefunden mit ihrem Schulstreik für das Klima. Inzwischen ist Greta Thunberg durch ihren Auftritt beim Klimagipfel in Katowice ein Star und wird zu internationalen Konferenzen eingeladen. Diesen Einladungen folgt sie aber nicht, denn sie fliegt nicht. Sie ist auch kein Fleisch und keine Milchprodukte.
Greta Thunberg hat aber „Hunger und Durst nach Gerechtigkeit“, wie es das Matthäusevangelium nennt.

 

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Die Bergpredigt verheißt denen, „die von Hunger und Durst nach Gerechtigkeit getrieben sind; sie sollen satt werden!“ Zu wem spricht sie hier? Spricht sie zu Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden? So wie sie vorher zu Armen und Trauernden, also zu leidenden Menschen, gesprochen hat? Exegeten haben da Zweifel: In erster Linie sind Menschen gemeint, die Gerechtigkeit verwirklichen wollen, nicht Adressaten von Hilfe, sondern Akteure des Helfens. „Gerechtigkeit“ ist im Matthäusevangelium etwas, das man tut.
Die Bergpredigt nimmt in den ersten Seligpreisungen die Armen und Trauernden, die Leidenden in den Blick – und vollzieht dann eine Wende: aus denen, die Hilfe brauchen und empfangen, werden Helfende. Aus den Objekten ihres Schicksals werden Subjekte. Menschen, die sich nach Gerechtigkeit sehnen, weil unter der Ungerechtigkeit leiden, sollen sich als Menschen entdecken, die etwas für andere tun können, damit auch andere mehr Gerechtigkeit, mehr Barmherzigkeit, mehr Frieden erfahren.
Auch Greta Thunberg hat eine Wende vollzogen: Sie leidet unter dem, was sie sieht, hat aber einen Weg gefunden, ihre Erkenntnis ins Handeln zu übersetzen. Im Matthäusevangelium werden Menschen wie Greta Thunberg selig gepriesen. Gerechtigkeit ist im Matthäusevangelium etwas, das man tut.
Dieser Einsatz für Gerechtigkeit ist einerseits etwas ganz Besonders: „Ihr seid das Salz der Erde!“ „Ihr seid das Licht der Welt!“ ruft Jesus den Seliggepriesenen zu. Andererseits ist der Einsatz für Gerechtigkeit etwas ganz Allgemeines, das für alle gilt. Am Ende fasst Jesus die Bergpredigt mit der Goldenen Regel so zusammen: „Alles, was ihr nun wollt, dass euch die Menschen tun sollen, so tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten!“ (Mt7,12)
Die goldene Regel ist auf der ganzen Welt bezeugt, bei Griechen und Römern, Juden und Moslems, in Indien und China, bei Gläubigen und bei Atheisten. Sie ist eine rationale Regel. Jeder und jede kann ihr zustimmen.

 

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Ich glaube, Greta Thunberg sieht das ganz ähnlich und ist sicher erstaunt über ihre Berühmtheit, tut sie doch einzig und allein das, was die Vernunft gebietet und was wissenschaftlich schon längst außer Zweifel steht: Sie ruft dazu auf, dass nur mehr die Notbremse hilft, um die Klimaerhitzung noch zu stoppen.
In der Bergpredigt erfährt die Goldene Regel eine Radikalisierung, wie insbesondere Gerd Theissen herausgearbeitet hat. Die Goldene Regel begegnet in negativer und positiver Formulierung. Negativ gebietet sie, dass man Handlungen unterlässt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“, sagt ein bekanntes Sprichwort. Positiv – und das ist die Formulierung der Bergpredigt – verlangt die Goldene Regel eine Initiative: „Alles nun, was ihr wollt, dass die Menschen euch tun, so tut auch ihnen!“ (Mt 7,12). Der Unterschied zwischen negativer und positiver Formulierung ist wichtig – nicht deshalb, weil die positive Formulierung eine christliche Zuspitzung wäre. Sie findet sich oft in der (vorchristlichen) Antike – aber da bezieht sie sich immer auf besondere Beziehungen: z.B. zwischen Familienangehörigen, Freunden, Herrschern und Untertanen. Die Bergpredigt vertritt nun die positive Verpflichtung zum Initiativ handeln für alle Beziehungen. Darin liegt die Radikalisierung. Die Bergpredigt verlangt, alle Menschen so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte und bestimmte nahe Bezugspersonen behandelt. Und sie verlangt von allen, sich so zu verhalten. Wir finden eine Universalisierung auf Seiten der Handelnden wie der Adressaten.
Worin sich die Bergpredigt und Greta Thunberg einig sind, kann man so zusammenfassen: Gerechtigkeit geschieht im Tun, und ethische Verpflichtungen gelten für alle – und sie gelten gegenüber allen.
Die derzeitige öffentliche Diskussion über Gerechtigkeit und Fairness geht in eine andere Richtung. Verpflichtungen gelten nicht für alle, und sie gelten nicht gegenüber allen. So sollen etwa Asylberechtigte bei der Mindestsicherung schlechter gestellt werden, weil sie die Sprache noch nicht ausreichend beherrschen – was ebenso für Österreicher gilt, die den Pflichtschulabschluss nicht geschafft haben. Oder es sollen Kinder ausländischer Pflegekräfte, die im Ausland bei den Großeltern leben, schlechter gestellt werden als Kinder im Inland, obwohl ihre Eltern dieselben Abgaben

 

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geleistet haben. In beiden Fällen wird mit Gerechtigkeit und Fairness argumentiert. So sieht die Frauenministerin es als fair an, einer asylberechtigten Frau die Mindestsicherung zu kürzen, um sie so in einen Sprachkurs zu zwingen, den sie – so die Unterstellung – freiwillig nicht besuchen würde oder dürfte. Gleichzeitig müssen Mittel- und Besserverdienende weniger Abgaben abführen (Stichwort Familienbonus).
Welches Gerechtigkeitsverständnis beherrscht den öffentlichen Diskurs?
Geredet wird von Fairness und von „neuer Gerechtigkeit“. Und neue Gerechtigkeit heißt: Leistung muss sich lohnen. Es ist ungerecht, wenn die, die nichts oder wenig ins System eingezahlt haben, genau so viel herausbekommen wie die, die viel und lange eingezahlt haben. Leistungsgerechtigkeit also.
In der Umsetzung fällt auf, dass bei der Mindestsicherungsreform erstens der Begriff der Leistungsgerechtigkeit verfehlt ist, und zweitens der Begriff der Leistungsgerechtigkeit auch verzerrt wird, wie die Direktorin der Diakonie, Maria Katharina Moser, die ich heute hier vertreten darf, heute Vormittag in einer Pressekonferenz gesagt hat.
„Die Mindestsicherung soll das Mindeste sichern, das Menschen zum Leben brauchen.“ Das ist eine Frage der Menschenwürde – und unabhängig davon, wie viel und wie lange jemand „ins System“ eingezahlt hat oder woher er/sie kommt. Denn Gerechtigkeit verlangt, die materiellen und immateriellen Grundbedürfnisse von Menschen sicherzustellen. Grundbedürfnisse sind für alle Menschen gleich. Die Mindestsicherung ist eine Frage der Bedürfnisgerechtigkeit.
Zweitens verfehlt die neue Sozialhilfe auch das Ziel der Leistungsgerechtigkeit: Menschen, die viel arbeiten und wenig verdienen und viele Kinder haben, werden verlieren. Und auch das Ziel des Ansporns zur Leistung verfehlt die neue Sozialhilfe. Denn wer von Geldsorgen geplagt ist, dem/der fehlt die Kraft, Deutsch zu lernen, eine Aus- oder Weiterbildung zu machen, sich eine Arbeit zu suchen. Richtig und sinnvoll wäre zu sagen: Du bekommst die Unterstützung, die du brauchst, und auf dieser (halbwegs) sicheren Basis kannst du dann auch deine

 

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Leistungen bringen. Leistung setzt Befähigung voraus. Befähigungsgerechtigkeit verlangt, dass Menschen unter Bedingungen leben, in denen sie ihre Fähigkeiten möglichst gut entwickeln können.
Maßnahmen, die aktuell unter der Überschrift neue Gerechtigkeit verkauft werden, gehen nicht aus von der Würde jedes Menschen als Basis für das, was zusteht. Vielmehr müssen sich Menschen als würdig erweisen. Dann bekommen sie Zuwendungen – gnadenhalber. Hinter dem Verweis auf Leistungsgerechtigkeit steht eigentlich das alte Besitzstandsdenken, das wir in der bürgerlichen, liberalen Gesellschaft überwunden geglaubt hatten: Besitzstandsgerechtigkeit teilt Rechte und Ansprüche nach dem Stand oder sozialer Klasse oder Gruppenzugehörigkeit zu und sieht für bestimmte Gruppen Almosen vor.


Was es in der aktuellen Diskussion braucht:

1. Die Kritik von verkürzten Gerechtigkeitskonzepten, die die Teilhabe aller an den Gaben der Schöpfung auf bestimmte Gruppen einschränken wollen.

2. Das Tun der Gerechtigkeit, die für alle gilt und gegenüber allen gilt.

3. Die Gewissheit der Kirchen in einer pluralen Welt, dass denen, die es dürstet nach Hunger und Gerechtigkeit, die Seligkeit zugesprochen ist und die Solidarität der Kirchen in ihrer Gesamtheit.
Anfang des Jahrtausends haben die 14 Kirchen Österreichs, die im Ökumenischen Rat der Kirchen vertreten sind, einerseits einen Sozialbericht über ihr eigenes Handeln und andererseits mit dem Ökumenischen Sozialwort einen Kompass vorgelegt – „im Vertrauen darauf, dass sich auch in unserer Zeit die Gesellschaft durch den konstruktiven wie kritischen Beitrag vieler weiterentwickeln kann – zum Wohle aller.“ „Die Kirchen werden alles daran setzen, dass die realen, materiellen und rechtlichen Voraussetzungen für die Teilhabe aller Menschen an einem Leben in Freiheit und Gemeinschaft, in Verantwortung und Würde geschaffen werden können.“

 

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Grundlegend dafür ist ein Gerechtigkeitsbegriff, der nicht die einen gegen die anderen stellt und es als fair deklariert, wenn den einen aufgrund der Herkunft, der Abstammung oder Nation Privilegien eingeräumt werden, sondern ein Gerechtigkeitsbegriff, der sich an der universellen positiven Formulierung der Goldenen Regel orientiert, die Gottesebenbildlichkeit als konstitutiv für die unantastbare Würde aller Menschen und hinter jedem Menschen – sei es dem Bettler in der Gosse, der jungen Frau mit Behinderung oder dem schiffbrüchigen Flüchtling – Gott selbst stehen sieht.
Ich denke, es wäre an der Zeit, dass die Kirchen gemeinsam ein Wort zur Gerechtigkeit in der pluralen Welt formulieren – ein Wort zur Gerechtigkeit, das die eine Welt in den Blick nimmt mit all ihre Gefährdungen. Die Diskussion darf sich nicht darum drehen, ob sich eine Partei christlich-sozial oder demokratisch oder wie auch immer nennen darf oder soll, sondern darum, dass die christlichen Kirchen selbst der Autorität der Botschaft des Evangeliums Gehör verschaffen in einer Welt, in der Gerechtigkeit nur für wenige reserviert zu sein scheint.

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